HÖHNER und WILMAS PÄNZ - NASE VORN
Manche bohren ihr Leben lang nach Öl darin. Es gibt spitze und stumpfe, es gibt frische und versumpfte, dicke, dünne, kalte oder heiße. Es gibt rote, gelbe, schwarze oder weiße - wie auch immer sie aussehen mögen und was auch immer der einzelne damit macht – jeder Mensch ist damit geboren worden, die Nase vorn zu haben, sowohl im eigentlichen, wie auch im übertragenen Sinne. Diese einfache, aber umso eindringlichere Botschaft eröffnet „Nase vorn“, das erste gemeinsam erarbeitete und aufgenommene Album des Kölner Kindermusik-Projekts Wilmas Pänz und dem erfolgreichsten Exportgut kölscher Lebensart, die Höhner. In der ersten Hälfte der großen Schulferien dieses Jahres im Rheinland produziert, liegen die zwölf Songs auch schon auf CD vor. Anlässlich der drei ausverkauften Höhner-Konzerte im August 2008 in der Kölner Philharmonie, wo auch die Live-Premiere von „Nase vorn“ zelebriert werden wird.
Dabei ist „Nase vorn“ keineswegs ein Schnellschuss, denn genau genommen nahm die Geschichte des Albums bereits vor 30 Jahren ihren Lauf. 1978 schrieb die Grundschullehrerin Wilma Overbeck ihre ersten Kinderlieder in kölscher Sprache. Begeistert von den Mundart-Songs aus der Domstadt, wollte sie kölsche Texte schreiben, die sich zum Mitsingen für Kinder eignen sollten. Gesagt, getan. „Wilma und die Dilledöppchen“ hieß das Alben-Resultat, das mittels der geografischen Distanz zum damaligen, in München ansässigen Label, in der Domstadt allerdings praktisch ungehört blieb. Dennoch war das Album ein Erfolg, wenngleich auch ein persönlicher. Für Wilma Overbeck, die Textschreiberin, stellte es den Startschuss zu einem längst weit über die Stadtgrenzen Kölns beachteten Engagement für verschiedene Kindermusik-Projekte dar. Für ihren Bruder, den Höhner-Bassisten Hannes Schöner, der die Melodien und den musikalischen Leitfaden zu den „Dilledöppchen“ beisteuerte, markierte die Platte den Beginn seiner professionellen Musiker-Laufbahn. In den 30 Jahren, die folgten, gab es immer wieder Berührungspunkte zwischen dem Profimusiker und seiner musikalischen Schwester. Wilma Overbeck verwarf ihre damaligen Texte nämlich nicht, sondern baute sie in Theaterstücke ein, die sie mit ihren Schülern aufführte. Daraus wurden kölsche Adaptionen berühmter Musicals, wie etwa im letzten Jahr „Leo, der Löw“, in Anlehnung an Disneys „König der Löwen“. Deren Aufführungen fanden in den letzten zehn Jahren nicht mehr nur noch in Schulaulas statt. Längst war „Wilmas Pänz“ zu einer festen Größe der generationenübergreifenden Unterhaltung in Köln geworden, als die Höhner bei Wilma Overbeck und ihren Pänz anfragten, ob Interesse an gemeinsamen Weihnachtskonzerten im berühmten Kölner Gürzenich bestand. Dass die sechs Profimusiker dabei auf offene Ohren gestoßen waren, lag auf der Hand. Schließlich hatte Wilma Overbeck immer wieder auch Lieder der Höhner in ihre Kindermusical-Aufführungen einfließen lassen. Für die Höhner, die ihre musikalische Vielseitigkeit mit ihren Rockin’ Roncalli-Shows, den Höhner-Classics-Aufführungen, ihrer Teilnahme an den Rock gegen Rechts-Aktionen der Arsch Huh-AG und unzähligen weiteren Kollaborationen längst unter Beweis gestellt hatten, war die Zusammenarbeit mit Wilmas Pänz eine weitere, logische Musikfährte. Nicht nur wegen der Familienbande Schöner-Overbeck. „Die Höhner sind die kinderreichste Band Deutschlands, wenn nicht sogar Europas“, sagt Hannes Schöner schmunzelnd. „Wenn wir alle Patchwork-Familien, die sich nur aus dem Höhner-Kern gebildet haben, zusammennehmen, kommen wir auf über 16 Kinder. Angesichts dessen ist es nur logisch, dass wir Höhner uns immer als Familien-Band betrachtet haben, deren Lieder selbstverständlich nicht nur, aber auch von Kindern gesungen werden können.“
Welche Charmeoffensive den Profis und den Musik-Autodidakten mit „Nase vorn“ gelungen ist, wird beim Durchhören der zwölf Songs deutlich. So bekommen die bekannten Höhner-Hits wie „Mir ston zo dir FC Kölle“ und „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, gesungen von den neun Schülern, die stellvertretend für ihre sangesbegeisterten Mitschüler die ersten drei Wochen der diesjährigen Sommerferien in Hannes Schöners Studio in Bad Münstereifel verbrachten, eine Authentizität, die nur vollbringen kann, wer der Welt und ihren Menschen noch unvoreingenommen gegenüber steht. Vor allem „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, singen sie Pänz mit ansteckender Leidenschaft. Folgerichtig, denn der Höhner-Text wurde in Kooperation mit den Pänz und den Höhnern von Wilma Overbeck sublim, aber umso Aufsehen erregender zu einem Lied umgeschrieben, in dem Schulkinder gegen Gewalt an Schulen aufrufen.
Überhaupt steckt „Nase vorn“ voller Lebensweisheiten und Überlegungen zum aktuellen Tagesgeschehen, die generationenübergreifende Relevanz besitzen. Gesungen von Wilmas Pänz, entfalten die Songs unmittelbar ansteckenden Gute-Laune-Charakter, der immer auch Tiefgang beinhaltet. Das findet jenseits aller medial vorgegebener Coolness statt und wird von den Pänz, aber eben auch von Erwachsenen gleichermaßen, vor allem gerade deshalb als „voll cool“ empfunden. „Wenn man authentisch mit Kindern arbeitet fühlen sie sich ernst genommen und dann kann man Berge mit ihnen versetzen“, erzählt Wilma Overbeck. Da ist es umso schöner, dass „Nase vorn“ nicht als pädagogisches Konzept, sondern als spielerische Kooperation zwischen den alten „Profi-Hasen“ und den neugierigen Kids geplant worden war. Oder wie es der Kölner ausdrücken würde: „Mit Spass an dr Freud“. „Aber was heißt schon Planung bei einer Gemeinschaftsarbeit, die über die Jahre gewachsen ist?“, ergänzt Hannes Schöner. „Die Platte ist organisch gewachsen. Sie ist wie ein reifer Apfel, der lediglich gepflückt werden musste. Es gab zwischen uns und den Kids immer wieder Berührungspunkte und die Songs, das ganze Material war ja auch schon da. Es musste nur umgesetzt werden.“ Das haben alle sechs Höhner mit offensichtlichem Eifer getan. Im fetzigen Zungenbrecher „Oh Aleele“, dem Spaß- und Verstecklied, duelliert ein hörbar begeisterter Henning Krautmacher mit den Pänz.
Sämtliche Songs fußen nicht auf der Vorstellung von Erwachsenen, was Kinderlieder zu sein haben, die nicht selten am Geschmack der Pänz exakt vorbei gehen. Die Schnittmenge der Höhner und Wilmas Pänz liegt im Spaß am gemeinsamen Singen begründet, was per se schon mal „das perfekte Vehikel zur Verbundenheit ist“, wie Wilma Overbeck sagt. Und in der Musik der Höhner, die sich wesentlich näher am Musikgeschmack der Pänz befindet als manch andere als solche konzipierte Kinderplatte. Aber auch die aus der Feder von Wilma Overbeck stammenden Texte, wie „M’em Hätze denke mäht fruh“, „Wie do wieder ussühs“ und „Schantall“, fügen sich nahtlos in den musikalischen und inhaltlichen Höhner-Kosmos ein. Weil „Nase vorn“ nicht ausgrenzt, sondern jeden einbezieht. Weil darin andere Lebensformen integrierend und lebensbejahend zelebriert werden. Die neue Kinderversion von „Schantall“ wurde indes bereits zum Titel-Song der Charity-Aktion „Die jecken Höhner von Kölle“ auserkoren, die von· zunehmender Kinderarmut betroffene Pänz, zunächst in Köln, später NRW-weit, Hilfe zur Selbsthilfe bieten wird. „Das Album richtet sich an Kids und Erwachsene, kurzum an alle, die wach sind und auch an Schlafmützen, die wach werden wollen. Denn jeder ist etwas Besonderes, aber keiner ist etwas Besseres. Das ist die Grundbotschaft des Albums“, sagt Wilma Overbeck. Besser kann man den Mutmacher „Nase vorn“, der zusätzlich zum Nachsingen Karaoke-Versionen und sämtliche Song-Texte enthält, nicht auf den Punkt bringen. Hannes Schöner hat trotzdem noch eine Ergänzung. „Sowohl die Höhner als auch die Pänz, sind auf ihrem Gebiet ein offenes System. Da kann jeder seinen Eintrag ins Gästebuch des jeweiligen anderen machen. Das haben wir mit ‚Nase vorn’ getan. Wir bei den Pänz und die Pänz bei uns.“
Quelle: Emimusic
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